Trauerkultur

Was Hinterbliebene wirklich wollen – und warum sie es oft nicht bekommen

Wie Hinterbliebene entscheiden…

01. September 2026 · 6 Minuten Lesezeit · Gesellschaft

Eine Zahl, die nachdenklich macht

89 Prozent.

So viele der Hinterbliebenen, die FriedWald im Sommer 2024 gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut rheingold befragte, nannten „die ausdrücklichen Wünsche des Verstorbenen“ als wichtigsten Aspekt bei der Entscheidung über die Bestattungsform. 806 Menschen nahmen an der Befragung teil – alle hatten in den letzten fünf Jahren einen Trauerfall erlebt und waren bei der Organisation der Bestattung beteiligt.

Das ist kein überraschendes Ergebnis. Natürlich richten sich Hinterbliebene nach dem, was der Verstorbene gewollt hätte. Was die Studie aber auch zeigt – und das ist das eigentlich Interessante – ist die Kehrseite: Was passiert, wenn keine Wünsche geäußert wurden?

Was passiert, wenn keine Wünsche da sind

Die Antwort der Studie ist ernüchternd. Fehlt der Halt durch klare Äußerungen des Verstorbenen, weichen Hinterbliebene auf Konventionen aus. Sie tun, was Gepflogenheiten und gesellschaftlicher Druck vorgeben. Nicht weil sie es wollen – sondern weil sie in einem Ausnahmezustand Entscheidungen treffen müssen, für die ihnen die Grundlage fehlt.

Die Studie formuliert es so: Es steigt die Tendenz zu tun, was Gepflogenheiten und Konventionen vorgeben. Eigene Bestattungswünsche zu äußern ist vor allem dann notwendig, wenn sie nicht der erwarteten Norm entsprechen.

Das klingt zunächst logisch. Aber es hat eine weitreichende Konsequenz: Individualisierung – der Wunsch nach einem Abschied, der zur Person passt – scheitert nicht daran, dass Bestatter ihn nicht anbieten. Sie scheitert daran, dass Hinterbliebene im Ernstfall nicht wissen, was gewollt war. Und deshalb auf das Standardangebot zurückgreifen.

Der stille Verlust

Ich denke bei dieser Zahl an die vielen Gespräche, die ich mit Bestattern geführt habe. An die Beschreibungen von Familien, die im Erstgespräch sagen: „Wir wissen nicht genau, was er gewollt hätte.“ Oder: „Sie hat nie darüber gesprochen.“

Was dann folgt, ist kein individueller Abschied. Es ist ein Abschied nach Wahrscheinlichkeit. Nach dem, was Hinterbliebene für plausibel halten. Nach dem, was die Familie erwartet. Nach dem, was der Bestatter kennt und anbietet.

Das ist kein Versagen – weder der Hinterbliebenen noch der Bestatter. Es ist eine strukturelle Lücke: fehlende Vorsorge.

Was Vorsorge wirklich bedeutet

In der Branche wird Vorsorge häufig als finanzielles Instrument besprochen – als Absicherung der Bestattungskosten, als Entlastung der Hinterbliebenen von finanziellen Entscheidungen im Trauerfall. Das ist richtig und wichtig.

Aber die FriedWald-Studie zeigt eine andere, tiefere Dimension von Vorsorge: Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Hinterbliebene im Ernstfall wirklich individualisieren können. Nicht weil sie müssen – sondern weil sie wissen, was gewollt war.

Vorsorge ist in diesem Sinne ein Geschenk. Nicht an sich selbst, sondern an die Menschen, die danach kommen. Es ist die Möglichkeit zu sagen: Ich nehme euch die Entscheidung ab. Nicht weil ich kein Vertrauen habe – sondern weil ich euch in diesem Moment schützen möchte.

Das ist ein Gespräch, das Bestatter führen können. Nicht als Verkaufsgespräch – als menschliches Gespräch über das, was bleibt.

Was das für Bestatter bedeutet

Der Impuls für diesen Artikel kam aus einer Recherche über KI im Bestattungswesen. Eine der Fragen, die ich mir dabei gestellt habe: Was wollen Hinterbliebene eigentlich? Was sind ihre Erwartungen – nicht an Technologie, sondern an den Abschied selbst?

Die Studie gibt eine klare Antwort: Sie wollen den Wunsch des Verstorbenen erfüllen. Und wenn es keinen gibt, fühlen sie sich verloren.

Das hat direkte Konsequenzen für die Beratung. Wer Individualisierung anbietet, sollte auch das Gespräch führen, das Individualisierung erst möglich macht: das Vorsorgegespräch. Nicht als Pflicht, nicht als Formular – sondern als Einladung, über das nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

Die Frage, die ich Bestattern in diesem Zusammenhang stelle: Wann haben Sie zuletzt mit einem Kunden über seine eigenen Wünsche gesprochen – nicht über die des Verstorbenen, den er gerade bestatten muss?

„Hinterbliebene wollen individualisieren. Aber ohne den Halt durch klare Wünsche des Verstorbenen tun sie, was Konventionen vorgeben. Das ist das eigentliche Argument für Vorsorge.“

Claudia Grötzebach zur die FriedWald-Studie „Letzter Weg“ 2024

TIPP FÜR DIE PRAXIS

Praxistipp:  Führen Sie beim nächsten Kontakt mit einem Kunden, der gerade nicht trauert, ein kurzes Gespräch über Vorsorge – nicht über Kosten, sondern über Wünsche: Was soll bleiben? Was ist ihnen wichtig? Wer soll dabei sein? Diese drei Fragen eröffnen mehr als jedes Formular.

Claudia Grötzebach begleitet Bestatter seit Ende der 1990er Jahre zu Marketing, Kommunikation und Trauerkultur.

Quelle: FriedWald / rheingold: „Letzter Weg“ – Studie zu Bestattungswünschen und Entscheidungsprozessen, Sommer 2024. n = 806.

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