Trend – Meinung
Was auf der PIETA geraunt wurde
Warum der Verkaufsraum mehr leistet, als die meisten Bestatter ahnen
30. Juni 2026 · 5 Minuten Lesezeit · Strukturwandel
Endzeitstimmung
Es war spät. Die PIETA – Fachmesse für Bestattungsbedarf und Friedhofstechnik – neigte sich am 17. Mai 2025 in Dresden dem Ende zu. Die Gänge leerten sich, die Gespräche wurden offener. Ein Branchenvertreter – kein Bestatter, sondern jemand, der die Branche von außen kennt und von innen beobachtet – sprach mit ungewöhnlicher Eindringlichkeit über das, was er kommen sieht: Investoren, die den deutschen Bestattungsmarkt ins Visier nehmen. Übernahmen. Konsolidierung. Das Ende vieler Familienbetriebe, so wie wir sie kennen.
Ich habe zugehört. Und ich habe die Stille danach bemerkt.
Nicht weil niemand da war. Sondern weil das Thema, kaum war es ausgesprochen, wieder verschwand. Wie etwas, über das man nicht laut redet.
„Nur wer fragt, bekommt Antworten – und Duchblick.“
Claudia Grötzebach
Was ich seitdem höre – und was ich nicht höre
Wer Kenner der Branche fragt, bekommt Bestätigung: Ja, das Interesse ausländischer Investoren ist real. Ja, Krematorien werden privatisiert und übernommen. Ja, internationale Softwareanbieter und Plattformen drängen in den deutschen Markt – aus Frankreich, aus dem angelsächsischen Raum, wo die Konsolidierung schon viel weiter fortgeschritten ist. Auf der Forum BEFA 2026 in Düsseldorf war dieses Thema unter Softwareanbietern spürbar präsent – wer genau zugehört hat, hat es gehört.
Was ich von Bestattern selbst höre, ist anderes. Die meisten reden nicht darüber. Und wenn das Thema Nachfolge aufkommt – und das tut es häufig, denn fehlende Nachfolger sind ein echtes, drängendes Problem – dann geht es um die Frage, wer den Betrieb übernimmt. Nicht darum, ob es den Betrieb in dieser Form in zehn Jahren noch geben wird.
Das ist der Widerspruch, der mich beschäftigt.
Warum der Markt attraktiv ist
Ich bin keine Unternehmensberaterin, und ich stelle keine Prognosen auf, die ich nicht belegen kann. Aber ein paar Zusammenhänge lassen sich benennen.
Die Sterbefallzahlen in Deutschland steigen – demografisch planbar und verlässlich. Das schafft ein Marktvolumen, das für Investoren berechenbar ist. Der Markt ist gleichzeitig extrem fragmentiert: Tausende kleine, familiegeführte Betriebe, viele ohne klare Nachfolgeregelung, viele mit veralteter Infrastruktur. Das sind ideale Bedingungen für Konsolidierung. Was in Großbritannien, Frankreich und den USA längst passiert ist – wenige große Ketten dominieren den Markt, kleine Betriebe werden übernommen oder verdrängt – ist in Deutschland noch nicht so weit. Aber die Logik ist dieselbe.
Und diese Logik interessiert offenbar die Softwareanbieter und Plattformentwickler mehr als die Bestatter selbst.
Was das für den Familienbetrieb bedeutet
Ich will das nicht dramatisieren. Lokale Verankerung, persönliche Beziehungen, das Vertrauen, das über Jahre gewachsen ist – das sind reale Wettbewerbsvorteile, die ein Investor nicht kaufen kann. Viele Familienbetriebe werden bestehen bleiben, weil sie etwas bieten, das Skalenvorteile nicht ersetzen.
Aber das gilt nur für die, die es bewusst tun. Die wissen, was sie haben. Die es kommunizieren. Die Geschäftsfelder entwickeln, die nicht ausschließlich vom einmaligen Sterbefall abhängen.
Die anderen – die darauf vertrauen, dass es so weitergeht wie bisher – haben ein Problem. Nicht morgen. Aber in einem Zeitraum, der für Nachfolgeplanung durchaus relevant ist.
Eine Frage, die die Branche sich stellen sollte
Ich schreibe das nicht, weil ich Antworten habe. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass die Frage gestellt werden sollte – offen, in der Fachöffentlichkeit, nicht nur in spätnächtlichen Messegeränkegesprächen auf der PIETA.
Was passiert mit dem unabhängigen Bestattungsbetrieb, wenn der Markt konsolidiert? Welche Betriebe überleben – und warum? Was müsste sich ändern, damit die Antwort auf diese Frage eine gute ist?
Das sind keine rhetorischen Fragen. Das sind Fragen, auf die ich gerne Antworten hätte. Und ich vermute: Sie auch.
Die nächste PIETA findet am 21. und 22. Mai 2027 in Dresden statt. Ich hoffe, dass wir das Thema bis dahin aus den Abendgesprächen in die Tagesprogramme geholt haben.
TIPP FÜR DIE PRAXIS
Praxistipp: Ein Strukturwandel betrifft die ganze Branche. Ignorieren und abwinken hilft nicht. Werden Sie aktiv und fragen Sie gezielt nach.
Claudia Grötzebach begleitet Bestatter seit Ende der 1990er Jahre zu Marketing, Kommunikation und unternehmerischer Positionierung. Sie beobachtet die Branche – von innen und von außen.