Veranstaltungsbericht – Brauchtum
Trauerschmuck – ein alter Wunsch kehrt zurück
Impressionen von der Forum BEFA 2026
23. Juni 2026 · 5 Minuten Lesezeit · Brauchtum
Ein alter Wunsch kehrt zurück
Ein Anhänger mit einem Handabdruck. Eine Kette, die Asche enthält. Ein Ring mit dem Fingerabdruck des Verstorbenen, in Silber gefasst.
Auf der Forum BEFA 2026 war Trauerschmuck in einer Breite vertreten, die mich überrascht hat. Nicht weil das Thema neu wäre – sondern weil es so alt ist. Und weil es gerade sehr lebendig zurückkehrt.
Trauerschmuck steht in einer langen Tradition.
Memento mori – bedenke, dass Du stirbst
Die Geschichte des Trauerschmucks reicht weit zurück. Im ägyptischen Totenkult gab man Verstorbenen Ringe als Amulette und Glücksbringer für das Reich der Unterwelt mit. Im antiken Rom war es Brauch, im Trauerfall Schmuck abzulegen – Schmuck als sichtbares Zeichen des Verlustes. Diese Tradition kennt man auch in China und anderen alten Kulturen.
Im 16. Jahrhundert bildete sich in England eine erste eigenständige Tradition des Gedenkschmucks: Ringe mit Totenschädeln und gekreuzten Gebeinen als Memento mori – eine Mahnung an die eigene Sterblichkeit. „Gedenke, dass du sterben wirst.“ Das wurde nicht als morbider Gedanke verstanden, sondern als ernsthafte Einladung, das Leben bewusster zu leben.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wandelte sich das Bild. Statt Totenköpfen zeigten Ringe und Broschen nun Urnen, Obelisken, trauernde Figuren unter Trauerweiden – und häufig die schlichte Inschrift: REMEMBER ME.
Das viktorianische Zeitalter: Schmuckkasetten wie tragbare Friedhöfe
Seine Blütezeit erlebte der Trauerschmuck im 19. Jahrhundert – im viktorianischen England. Königin Victoria prägte diesen Faible maßgeblich mit. Nach dem Tod ihres Mannes Albert im Jahr 1861 trug sie bis zu ihrem eigenen Tod 40 Jahre lang Trauerkleidung und Gedenkschmuck. Was die Königin trug, trug das Volk.
Besonders beliebt war Haarschmuck: Locken der Verstorbenen wurden in Anhängern, Ringen und Broschen verwahrt oder kunstvoll zu Armbändern und Ketten geflochten. Ein englischer Zeitzeuge beschrieb den Geschmack seiner Epoche treffend:
„Die Schmuckkassetten der Damen glichen tragbaren Friedhöfen.“
Dieser Schmuck wurde nicht abgelegt, wenn die offizielle Trauerzeit endete. Man trug ihn weiter – und vererbte ihn an die nächste Generation. Haar war greifbar. Haar war echt. Haar war die letzte körperliche Spur eines Menschen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlor die Tradition langsam an Bedeutung. Im 20. Jahrhundert geriet der Trauerschmuck schließlich fast vollständig in Vergessenheit.
„Die Schmuckkasetten der Damen glichen tragbaren Friedhöfen.“
Englischer Zeitzeuge über den viktorianischen Trauerschmuck, 19. Jh.
Die Renaissance: individuell, persönlich, zeitgemäß
Das Bedürfnis, das hinter dem Trauerschmuck steckt, ist nie verschwunden: der Wunsch, einen geliebten Menschen körperlich nah zu behalten. Eine greifbare Erinnerung zu haben, nicht nur eine fotografische.
Heute kehrt dieser Wunsch zurück – in neuen Formen und mit neuen Materialien. Statt Haarlocken: Fingerabdrücke, dreidimensional in Silber und Gold gefasst. Statt Medaillons: dezente Anhänger, die eine winzige Menge Asche tragen, von außen nicht als Trauergegenstand erkennbar. Statt schwarzem Jet-Stein: nachhaltige Materialien, moderne Designs, Stücke, die man täglich tragen möchte.
Auf der BEFA 2026 war das Angebot groß und international – Anbieter aus Österreich, der Schweiz, Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Vom Neueinsteiger bis zum Anbieter mit 20-jähriger Handwerkstradition.
Anbieter, die mir auf der Befa aufgefallen sind
Liv’s Memories – Österreich / DACH-Raum
Elias Wahed strahlt, als wir uns unterhalten. Er führt mich zu einem Tisch gleich vorne, wo ein gläsernes Objekt das Logo der Tanexpo zeigt. Auf der Tanexpo 2026 in Bologna – der weltweit viellelicht wichtigsten Fachmesse der Bestattungsbranche – gewann Liv’s Memories den TANEXPO Award in der Kategorie PET. Die Jury würdigte die Verbindung aus technologischer Innovation, emotionalem Wert und handwerklicher Qualität, die Familien eine würdevolle Möglichkeit bietet, die Erinnerung an ihre Haustiere zu bewahren. Das zeigt einen aktuellen Trend: Trauerschmuck und Tierbestattung wachsen als Themen zusammen – ein Markt, der auch für Bestatter im deutschsprachigen Raum an Bedeutung gewinnt.
TadBlu – Belgien / Europa
TadBlu fällt mir auf, weil ich jedes Mal beim Pendeln zwischen Vortrag und Ausstellung daran vorbei komme. Hier wird ein puristisch designter, sehr moderner Erinnerungsschmuck angeboten. Er ist patentiert und verbindet die Möglichkeit, in zu befüllen. TadBlus Besonderheit: 2023 wurde es als erstes Unternehmen der Branche mit dem SDG-Pioneer-Zertifikat der Vereinten Nationen für Nachhaltigkeit ausgezeichnet.
gftd. jewelry – Belgien
„gifted jewelry“ – ist ein belgisches Atelier mit 60 Jahren Goldschmiedeerfahrung. Unter diesem Namen wurde es gegründet von Bo Tijskens gegründet, die aus einer Familie von Goldschmieden stammt. Die Palette umfasst neben Trauerschmuck für Mensch und Tier auch gezielt Andenkenschmuck, der explizit das Leben würdigt., wie z.B. Mutterbrustmilch-Schmuck. Jedes Stück handgefertigt im eigenen Atelier. und damit einzigartig. Hier gibt es auch explizit ein B2C-Geschäftszweig.
Was das für Bestatter bedeutet
Trauerschmuck ist kein Nischenthema und kein Zusatzangebot am Rande. Er ist ein Beispiel für etwas Größeres: das wachsende Bedürfnis von Menschen, die Erinnerung an Verstorbene körperlich, greifbar und persönlich zu gestalten.
Das ist strategisch interessant – und zwar aus einem Grund, der in der Branche noch zu wenig diskutiert wird: Trauerschmuck funktioniert bestattungsunabhängig. Ein Anhänger mit dem Fingerabdruck der verstorbenen Großmutter kann Jahre nach der Bestattung bestellt werden. Ein Erinnerungsring kann im Rahmen einer Vorsorge geplant werden – als Geschenk, das jemand seinen Hinterbliebenen hinterlässt.
Das bedeutet: Wer Trauerschmuck anbietet, kann Menschen ansprechen, die heute keine Bestattung brauchen. Er kann Kontakte knüpfen und pflegen, lange bevor ein Sterbefall eintritt. Er kann eine Kundenbeziehung aufbauen, die nicht im Ausnahmezustand beginnt, sondern in einem ruhigen Moment des Nachdenkens.
Das ist der eigentliche Wert dieses Themas. Nicht das Produkt allein – sondern was es für das Geschäftsmodell eines Bestattungsunternehmens bedeuten kann.
In einem nächsten Artikel werde ich die Geschichte des Trauerschmucks ausführlicher beleuchten – von der Antike über das viktorianische Zeitalter bis zur Gegenwart. Denn wer dieses Thema anbieten will, sollte es auch erzählen können.
Claudia Grötzebach begleitet Bestatter seit Ende der 1990er Jahre zu Marketing, Kommunikation und Trauerkultur.
TIPP FÜR DIE PRAXIS
Trauerschmuck funktioniert als Angebot besonders gut, wenn Sie ihn vom Sterbefall entkoppeln. Sprechen Sie Hinterbliebene nicht nur in der akuten Trauersituation darauf an, sondern denken Sie an Jahrestage, Geburtstage des Verstorbenen oder Weihnachten. Ein kleines Muster-Set mit zwei oder drei Schmuckstücken verschiedener Anbieter im Beratungsraum reicht aus — die meisten Menschen müssen ein Stück einmal in der Hand gehalten haben, bevor sie sich entscheiden.