Trauerkultur – gesellschaft
Das Thema, das überall war – und nirgends stand
Individualisierung auf der Forum BEFA 2026
04. August 2026 · 6 Minuten Lesezeit · Trend
Ein Wort, das niemand ausgesprochen hat
Ich bin die Forum BEFA 2026 in Düsseldorf Halle für Halle abgegangen. Ich habe mit Ausstellern gesprochen, Vorträgen zugehört, Stände beobachtet.
Kein einziger Stand hatte ein Schild mit der Aufschrift „Individualisierung“.
Und doch war sie überall.
In den Särgen aus Pilzmyzel, die jeder anders aussieht, weil die Natur es so will. In den handgefertigten Särgen von Dietrich, die ein Leben erzählen können statt anonym zu bleiben. Im Trauerschmuck, der einen Fingerabdruck fasst, den es nur einmal gibt. In den Erinnerungsobjekten, die Trauernde durch Abwesenheit an ihre Verstorbenen erinnern. In den Naturbestattungen, die einen Ort wählen lässt statt einen zuzuweisen. In den Angeboten zur Aschebeisetzung zu Hause, die den Abschied in den persönlichsten aller Räume holen.
Individualisierung war nicht das Thema der BEFA 2026. Sie ist eine aktuelle Forderung an Bestatter – die Folge dessen, was in der Gesellschaft längst passiert ist.
„Individualisierung ist kein Thema der Bestattungsbranche. Sie ist die Reaktion auf etwas, das in der Gesellschaft längst passiert ist.“
Claudia Grötzebach
Was in der Gesellschaft passiert ist
Wir leben seit Jahrzehnten in einer Gesellschaft, die Selbstbestimmung als zentralen Wert begreift. Die Wahl des Berufs, des Wohnorts, der Lebensform, der Ernährung, der Werte – all das ist individueller geworden als je zuvor. Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Wunsch auch den Tod erreicht.
Hinzu kommen drei gesellschaftliche Entwicklungen, die die Bestattungskultur verändern – nicht laut, aber tief.
Erstens die Mobilität. Jüngere Generationen leben weit vom Heimatort entfernt. Das Familiengrab auf dem Dorffriedhof, das über Generationen gepflegt wurde, verliert an Bedeutung – weil niemand mehr in der Nähe ist, der es pflegen könnte. Pflegefreie Bestattungsformen sind keine Bequemlichkeit. Sie sind eine ehrliche Reaktion auf veränderte Lebensbedingungen.
Zweitens die Säkularisierung. Die Bindung an kirchliche Institutionen löst sich – auch im Bestattungswesen. Das bedeutet nicht, dass Menschen keine Rituale wollen. Im Gegenteil: Sie suchen nach neuen, persönlichen Ritualen. Aber diese müssen nicht mehr in einer Kirche stattfinden.
Drittens das Wertebewusstsein. Menschen, die nachhaltig gelebt haben, wollen einen Abschied, der das widerspiegelt. Menschen, die ein unkonventionelles Leben geführt haben, wollen keine konventionelle Beisetzung. Der Abschied soll zur Person passen – nicht zu einer Norm.
Was das auf der BEFA sichtbar macht
Loop Biotech aus den Niederlanden zeigt Särge aus Pilzmyzel – biologisch abbaubar, jeder ein Unikat, weil die Natur keine Kopien produziert. Das ist nicht primär ein ökologisches Angebot. Es ist ein individuelles. Kein Sarg wie der andere.
Dietrich steht für das handwerkliche Gegenmodell zum Serienprodukt: Särge, die gestaltet werden können, die ein Leben erzählen, die nicht aus einem Katalog stammen. Auch das ist Individualisierung – in Holz.
Trauerschmuck, Erinnerungsobjekte, Naturbestattungen, die Möglichkeit zur Aschebeisetzung zu Hause, Vorsorge mit persönlichen Gedenkobjekten, die man Hinterbliebenen hinterlässt – all das folgt derselben Logik: Der Abschied soll so einzigartig sein wie das Leben, das er beschließt.
Warum das für Bestatter mehr ist als ein Trend
Ich höre in Gesprächen mit Bestattern gelegentlich eine gewisse Skepsis gegenüber diesen Entwicklungen. Manches davon ist berechtigt – nicht jedes neue Produkt hält, was es verspricht, und Nachhaltigkeit als Marketing-Versprechen ohne Substanz schadet mehr als es nützt.
Aber die Skepsis gegenüber dem Trend selbst – die halte ich für einen Fehler. Denn Individualisierung ist kein Trend, den man aussitzen kann. Sie ist ein gesellschaftlicher Wandel, der sich in Werten, Lebensstilen und Erwartungen äußert – und der nicht zurückgeht.
Was zurückgehen wird: einzelne Produkte, die diesen Wandel opportunistisch bedienen ohne ihn wirklich zu verstehen. Was bleiben wird: die Erwartung der Menschen, dass ihr Abschied zu ihrem Leben passt.
Bestatter, die das verstehen und konkrete Angebote entwickeln – nicht als Katalog, sondern als echtes Gespräch über Wünsche und Möglichkeiten – haben einen Vorteil, den kein großer Anbieter einfach replizieren kann. Denn Individualisierung braucht Nahbarkeit. Und Nahbarkeit ist das, was der unabhängige Familienbetrieb strukturell besser kann als jede Kette.
Was als nächstes kommt
In den nächsten Wochen werde ich einzelne Felder der Individualisierung genauer beleuchten: Tierbestattung als eines der am stärksten wachsenden Segmente. Erinnerungsobjekte und fallunabhängige Geschäftsfelder. Und die Frage, was Bestatter konkret tun können, um diese Nachfrage zu bedienen – ohne sich zu verbiegen.
Die BEFA 2026 hat gezeigt: Die Branche reagiert bereits. Die Frage ist, wer seine persönlichen Konsequenzen auch kommuniziert.
TIPP FÜR DIE PRAXIS
Praxistipp: Fragen Sie im nächsten Erstgespräch: Was war dieser Mensch für Sie? wie hat er gelebt? Was wäre ihm wichtig gewesen? Diese drei Fragen öffnen den Raum für einen wirklich individuellen Abschied.
Claudia Grötzebach begleitet Bestatter seit Ende der 1990er Jahre zu Marketing, Kommunikation und Trauerkultur.