Ki & Digitalisierung

KI kommt – aber nicht so, wie Sie denken

Wie ein Phoenix aus der Asche

07. Juli 2026 · 6 Minuten Lesezeit · Meinung

Gestern – Heute

Auf der Forum BEFA 2025 in Dortmund war Künstliche Intelligenz kein Thema. Ich bin sicher. Ich war da.

Ein Jahr später, auf der internationalen Ausgabe 2026 in Düsseldorf: ein anderes Bild. Fünf der neunzehn Fachvorträge befassten sich direkt mit KI. Mehrere Aussteller präsentierten konkrete Anwendungen. Und ein Versprechen zog sich durch nahezu alle Beiträge: KI soll Bestattern mehr Zeit für Menschen geben.

Das klingt gut. Und ich glaube, dass es ehrlich gemeint ist. Aber es wirft eine Frage auf, die ich in den Vorträgen zu selten gehört habe: Wer setzt eigentlich die Bedingungen dafür, wie KI im Bestattungswesen eingesetzt wird – die Bestatter oder die Softwareanbieter?

„KI kommt nicht durch die Vordertür. sie kommt durch das nächste Software-Update.“

Claudia Grötzebach

Was auf der BEFA 2026 zu sehen war

Die Bandbreite der vorgestellten Ansätze war bemerkenswert. Christian Lang, CEO von Rapid Data, sprach im Fachvortragsprogramm über KI als Betriebswerkzeug – mit dem Kernversprechen: „Mehr Zeit für Menschen.“ Konkret geht es um Auswertungen, automatisierte Abläufe und Bedienungshilfen, die auch weniger technikaffinen Mitarbeitern ermöglichen, komplexe Software sicher zu nutzen.

Karla Willsch betrachtete KI aus einer ähnlichen Perspektive: Routineaufgaben übernehmen, den Bestatter entlasten – KI als „digitaler Kollege“. Ein Bild, das ich treffend finde: Ein guter Kollege übernimmt, was anfällt. Er entlastet, wenn es eng wird. Er ersetzt nicht – er ergänzt.

Clever One zeigte, wie ChatGPT-Technologie konkret für Bestatter nutzbar gemacht werden kann. Das digitale Vorsorgeportal bema, eine Initiative des Bundesverbands Deutscher Bestatter, war ebenfalls vertreten – ein Hinweis darauf, dass Digitalisierung auch auf Verbandsebene längst angekommen ist.

Conny Sebastian Bauer von EP präsentierte digitale Lösungen für Webauftritt und Online-Marketing – zusammen mit epos, einem französischen Anbieter, der in Kooperation mit EP auf der Messe vertreten war. Dass ein französischer Softwareanbieter den deutschen Bestattungsmarkt ins Visier nimmt, ist kein Zufall – in Frankreich ist die Digitalisierung der Branche bereits weiter fortgeschritten.

Was mich dabei beschäftigt

Das Versprechen „Mehr Zeit für Menschen“ ist richtig. Aber es hat eine Voraussetzung: dass die Zeit, die KI freimacht, tatsächlich für Menschliches genutzt wird – und nicht für die nächste Effizienzrunde.

Was konkret heißt: Dokumentation automatisieren, Formulare vorausfüllen, Auswertungen erstellen – das alles ergibt Sinn. Eine automatische Eingangsbestätigung um 23 Uhr, die einem Hinterbliebenen sagt, dass seine Nachricht angekommen ist – das ist keine kalte Maschine, das ist Verlässlichkeit.

Was ich für bedenkenswerter halte: KI-generierte Nachrichten, die so formuliert sind, als kämen sie von einem Menschen, der mittrauert. Oder Systeme, die den Erstkontakt mit Hinterbliebenen übernehmen, ohne dass das kenntlich gemacht wird. Nicht weil das technisch unmöglich ist – sondern weil Vertrauen in der Bestattungsbranche das empfindlichste Gut ist, das es gibt.

Die Frage ist nicht, was KI kann. Die Frage ist, was ein Bestattungsunternehmen will, dass sie tut – und was es bewusst in menschlicher Hand behält.

Wo die Grenze liegen sollte – und wer sie zieht

Ich habe diese Vorträge nicht als Skeptikerin gehört. Die Anwendungen, die gezeigt wurden, sind überwiegend überzeugend. Auswertungen auf Knopfdruck, automatisierte Formulare, Bedienungshilfen – das ist Entlastung in einer Branche, in der Überlastung strukturell ist.

Aber ich habe etwas bemerkt, das mich seitdem beschäftigt: Die Vorträge kamen fast ausschließlich von Softwareanbietern. Die Bestatter im Publikum – und ich habe mit einigen gesprochen – hörten zu. Sie stellten Fragen. Sie nickten.

Was ich kaum gehört habe: Bestatter, die selbst formulieren, was sie von KI wollen und was nicht. Die sagen: Hier ist die Grenze, die wir ziehen. Hier ist das, was wir schützen wollen.

Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beobachtung – und eine Einladung.

TIPP FÜR DIE PRAXIS

Praxistipp:  Fragen sie Ihren Softwaranbieter konkret: Welche KI-Funktionen sind bereits aktiv – und welche kommen? Wer die Bedingungen kennt, kann sie mitgestalten.

Was das für die Praxis bedeutet

Technologien kommen selten durch die Vordertür. Sie kommen durch Software-Updates, durch neue Vertragsversionen, durch Funktionen, die einfach da sind – und die man nutzt, ohne groß darüber nachgedacht zu haben.

Das muss kein Problem sein. Es wird eines, wenn ein Bestattungsunternehmen irgendwann nicht mehr sagen kann, warum es bestimmte Dinge so handhabt wie es sie handhabt. Warum manche Kontaktpunkte mit Hinterbliebenen immer menschlich bleiben. Was der digitale Kollege übernimmt – und was nicht.

Diese Klarheit ist keine Bürokratie. Sie ist Haltung. Und Haltung ist das Einzige, was kein Wettbewerber kopieren kann.

Claudia Grötzebach begleitet Bestatter seit Ende der 1990er Jahre zu Marketing, Kommunikation und digitalem Wandel. Sie war als Berichterstatterin auf der Forum BEFA 2026 in Düsseldorf.

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