TODTAL-KI-SYMPOSIUM – VERANSTALTUNGSBERICHT

TODTAL KI – Hype oder Zukunft fürs Bestatterhandwerk? Ein Veranstaltungsbericht

Ein Rückblick auf das zweite KI-Symposium der Bestattungsbranche in Düsseldorf

18. September 2026 · 6 Minuten Lesezeit · TODTAL-KI-Serie · Teil 1 von 3

Es gibt Branchen, die ihre Fachtagungen mit Bannern, Wegweisern und Anstecknadeln inszenieren. Und dann gibt es die Bestattungsbranche. Wer schon einmal versucht hat, eine Veranstaltung für Bestattende zu finden, erlebt: kein Schild in der Öffentlichkeit, keine öffentlichen Wegweiser, man tastet sich eher intuitiv heran. Diskretion gehört zum Berufsethos.

In diesem Stil kam auch das zweite KI-Symposium der Stiftung Deutsche Bestattungskultur daher: „TODTAL KI – Hype oder Zukunft fürs Bestatterhandwerk?“, am 16. September 2026 in der Geschäftsstelle des Bundesverbands Deutscher Bestatter in Düsseldorf. Rund 70 Teilnehmende waren laut Veranstalterangaben vor Ort. Ein wenig gewöhnungsbedürftig: Kein Programm. Weder als Folie noch als Aushang, nicht in den Tagungsunterlagen, nicht online. Selbst der offizielle Ticketshop verweist für „das vollständige Programm“ schlicht auf eine einzelne Website-Seite mit stichpunktartigen Uhrzeiten. Ich war also gespannt, was mich erwartete.

Der Auftakt: Vertraut statt förmlich

Nach Begrüßungskaffee und Eröffnung durch Andreas Niehaus (Bestatter und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Bestattungskultur) übernahm Lilli Berger die Moderation – und prägte den Ton des Tages. Berger, Bestatterin und Gründerin von VYVYT Innovations, führte locker und persönlich durchs Programm, garniert mit eigenen Erfahrungen und Anekdoten aus der Branche. Ein allgemeines Du sorgte für eine vertraute, fast familiäre Atmosphäre –  wie bei einem Branchentreffen unter Kollegen und Kolleginnen weniger wie bei einer trockenen Fachkonferenz.

Inhaltlich gab Berger in ihrer Keynote „Wie KI-Entwicklungen das Bestattungswesen verändern“ mit ihrer Berufsbiographie einen kleinen Ritt durch die noch eher junge Geschichte der Death-Tech-Szene: von den ersten Deadbot-Projekten um 2022 über die Corona-Zeit. Die verordneten Lockdowns und Begegnungsbeschränkungen in der Pandemie gaben dem Thema virtuelle Erinnerungsräume und Metaverse-Gedenkstätten einen massiven Schub, bis zu aktuellen Entwicklungen und Anbietern. Sie erzählte persönliche Geschichten zur Entwicklung der Szene und wie Hinterbliebene diese Angebote nutzen. Eine Nutzerin gestaltete sich während ihres Sterbeprozesses einen eigenen digitalen Erinnerungsraum, der zu einem Treffpunkt von Freunden, Familie, Bekannten wurde. Nicht mehr in der Lage, sich ihre letzten Wünsche zu erfüllen, halfen ihr Freunde und Familie diese zu erfüllen und dies in ihrem Erinnerungsraum bildlich zu visualisieren.

Eine Erkenntnis der präsentierten Beispiele: Oft sei es weniger die Technik selbst, die Menschen zu solchen Angeboten führt, sondern der emotionale Raum, der dadurch entsteht. Erinnerungsräume werden selten allein gestaltet auch nicht für die Hinterbliebenen. Sie werden selbst aktiv und gestalten damit ihren Trauerprozesse und das langsame Abschiednehmen selbst.

Ein weiterer Einblick: Digitale Angeboten wie der Erinnerungsraum werden typischerweise der Wirklichkeit nachempfunden. Das erleichtere den Trauernden die Orientierung im digitalen Jenseits und helfe ihnen ihre Emotionen auszudrücken und zu bearbeiten. Das Metaverse sei im Verlaufe des Trauerprozesses dann als (reine) Hülle für viele inzwischen verzichtbar geworden.

Die Podiumsrunde: Vier Perspektiven, eine Frage

Im Anschluss an die Keynote diskutierten Dr. Philipp Berkessy (Gründer von Lebensstimmen – Words that Remain), Dr. Nele Stadtbäumer (Psychologin, Gründerin von grievy), Tobias Jonas (CEO von innFactory) und Karl Albert Denk (Bestattermeister) unter Bergers Moderation (Im Bild von links nach rechts). Vier sehr unterschiedliche Blickwinkel zur Künstlichen Intelligenz, der Entwicklung, der Nutzung und auch ethischen Fragen begegneten und ergänzten sich: Tobias Jonas der die Digitalisierung und KI-gestützten Funktionen bei CleverOne maßgeblich verantwortet, betrachtete die KI eher unter dem Aspekt des praktischen Nutzens und ordnete sie eher nüchtern der administrativen Entlastung zu („Intelligenz entsteht durch den Output“). Denk (Bestatter und Vorreiter in Sachen Digitaler Nachlass u.a.m.) berichtete vor allem von dem Nutzen im Alltag eines Bestatters: Kalenderpflege delegieren, Bewertungen im Netz bearbeiten, Sichtbarkeit bei Google (Stichwort GEO), Kundenerwartungen, Fotodokumentation. Stadtbäumer verwies auf ihr Angebot grievy als niedrigschwellige Trauerbegleitung, die aber eben nicht KI-generiert sei. Grievy fungiert dabei als ergänzendes Angebot für Bestatter (B2B-Lösung). Berkessy schließlich präsentierte gleich vier konkrete Geschäftsfelder seiner Plattform Lebensstimmen. Dabei ging es im weitesten Sinne um den selbstgestalteten Abschied und den Digitalen Nachlass. Ein Thema, das mit dem geplanten Release im Oktober 2026 nicht nur für Bestatter, sondern auch für Trauerredner relevant werden dürfte.

Ein Aspekt seiner Stellungnahmen blieb besonders hängen: die Frage, was geschehe wenn Prominente wie Ronaldo versterben, gerade wenn es eine große Fangemeinde gibt. Könnten sie dann nach ihrem Tod als KI-Abbild „weiterleben“ – ein Beispiel, an dem sich die ganze Debatte um Trauerprozesse, Persönlichkeitsrechte und digitalen Nachlass plastisch zuspitzen lässt.

Dazu mehr in den weiteren Artikeln dieser kleinen Serie.

Nach der Mittagspause:
Vom Verbandsblick zum Technik-Nerd

Der Nachmittag begann mit einem Perspektivwechsel: Prof. Dr. Hans Jörg Hennecke von der Handwerkskammer Düsseldorf ordnete das Thema aus Sicht der Wirtschaftsverbände ein. Sein Fazit ließ sich in sieben Thesen zusammenfassen, die er auch so auf die Leinwand brachte:

 

    • KI wird wie die industrielle Revolution gigantische Veränderungen auslösen – aber mit höherer Geschwindigkeit.
    • Das große Veränderungspotenzial von KI wird aufgrund von Bremseffekten nur teilweise und verzögert genutzt.
    • In der Regulatorik wird es zu einem Wettbewerb um Innovationsoffenheit und Risikoorientierung kommen.
    • Ethische Fragen werden beim KI-Einsatz nur teilweise über Regulatorik zu klären sein.
    • KI wird auch die Geschäftsmodelle des Handwerks grundlegend verändern.
    • Die Qualifizierung im Handwerk wird vielfältiger.
    • Das Handwerk sollte die Möglichkeiten der KI mit einer Haltung aus Selbstbewusstsein und kritischer Neugier für sich nutzen.Er verwies in diesem Zusammenhang auf ganz praktische Probleme wie Datenqualität, Energieverbrauch und Akzeptanz in den Betrieben.

Danach durfte, der selbsternannte Technik-Nerd ran: Volker Blees von der OVER DACH GmbH. „Was haben Flachdächer mit Bestattern zu tun?“ Er führte seinen Vortrag ein mit der These: „KI ist Führungsaufgabe.“ Dabei ging es nicht um die Nutzung bestehender KI-Modelle wie ChatGPT, Perplexity oder Claude. OVER DACH ist einen anderen, sehr ehrgeizigen Weg gegangen. Blees zeigte, wie sein Betrieb mit einem selbst gehosteten, lokalen KI-Server arbeitet (Nvidia-Hardware), inklusive eigener Zugriffssteuerung, wer im Unternehmen was mit der KI leisten kann. Sein Praxistipp fürs Programmieren ganz ohne Vorkenntnisse per KI-Unterstützung kam mit einer trockenen Warnung: Man solle nicht zu blauäugig rangehen. Ein spannendes Beispiel, daß zeigte wie ein mittelständischer Handwerksbetrieb KI im Alltag tatsächlich einsetzt, statt nur darüber zu reden. Ausgangspunkt dabei das Lösen ganz alltäglicher Probleme. Spachnotizen z.B. werden vom hauseigenen KI-System automatisch transkribiert und als Kalendereintrag, Mail, Bedarfsanforderung oder anderes abgespeichert und Aufgabe, Person zugeordnet werden. Auf dieser Basis werden alle Mitarbeiter vor Ort entlastet, die zentrale Verwaltung ebenso – Übersetzung inbegriffen. Und das alles sicher, richtig sicher, ohne Abfluss von Daten und Wissen an Dritte.

Es folgte Matthias Gerdesmeier von Holzgestalten by Gerdesmeier mit einer schönen Formulierung für das Grundproblem, das KI in seinem Betrieb löst: „der Zeitfresser“. Mit dem KI-Aufnahmestift Plaud verwandelt er z.B. gesprochene Notizen automatisch in Angebotsbausteine – ein Projekt, das er im Rahmen der Initiative KIDIHA mit dem Fraunhofer-Institut entwickelt hat. Auf die Frage, was sich davon eins zu eins auf die Bestattungsbranche übertragen lässt, gab er ehrlich zu: das lasse sich pauschal gar nicht sagen. Aber das Prinzip gelte für viele Berufe: Prozesse praktisch definieren und über KI-gesteuerte Prozesse zu automatisieren, um Kapazität für das Eigentliche zu gewinnen. Seine Essenz aus dem eigenen KI-Prozess brachte er auf drei Faktoren: Zeit, Motivation, Verantwortung – und die nüchterne Feststellung, dass es sich bei diesem Modell um eine sogenannte „Abo-Falle“ handele, die Kosten zwar da seien, aber je nach Paket bewältigbar wären. Der Nutzen überwiege bei Weitem.

Der Abschluss: Das mehrfach angekündigte Highlight

Zum Ende hin wurde ein Vortrag mehrfach als Höhepunkt des Tages angekündigt – und lieferte offenbar auch: Lorenz Widmaier, Doktorand an der Cyprus University of Technology, sprach unter dem Titel „Trost oder Täuschung? KI in der Trauer- und Erinnerungsarbeit“ sehr persönlich und unterhaltsam über trauerbegleitende KI-Angebote. Wo vorher mal die Beine unruhig wurden oder die Blicke leer, hier waren alle wieder wach. Denn die praktische Umsetzung am Beispiel seiner Mutter faszinierte und zeigte ganz praktisch KI-Anwendungen mit ganz normalen, gängigen Tools. Manche erzeugten ein Gruseln, andere begeisterten. Eine wichtige Erkenntnis: KI kann auch Schwäbisch. Aber auch diesem Vortrag widme ich mich in einem weiteren Teil dieser kleinen Serie. Denn dieser Themenkomplex macht „ein echtes Fass auf“.  

Was das für den Alltag des Bestatters bedeutet

Wo ist was? Was muss ich noch machen? Diesen Kopf-Ballast kann KI im Bestattungsalltag zuverlässig abnehmen – weniger die großen Fragen der Trauerbegleitung, eher der ganz banale Verwaltungsdruck. Was das Symposium an konkreten Ansatzpunkten geliefert hat:

  • Kalenderpflege, Aufgaben u.ä.m. delegieren statt jeden Termin selbst im Kopf zu behalten.
  • Bewertungen im Netz und Social Media-Pflege mit KI-Entwürfen beantworten, statt jede Antwort neu zu formulieren.
  • Sichtbarkeit bei Google und in KI-Suchassistenten (GEO) aktiv mitgestalten, statt sie dem Zufall zu überlassen.
  • (Foto)Dokumentation strukturieren und ablegen, statt sie nebenbei zu vergessen.
  • Gesprächsnotizen automatisch verwerten – Gerdesmeiers Prinzip „Sprache statt Formular“ lässt sich, mit Einwilligung der Angehörigen, auch auf Beratungsgespräche übertragen.
  • Nutzung und Zugriffsrechte klären, bevor der Betrieb wächst – Blees‘ Kernsatz „KI ist Führungsaufgabe“ gilt besonders dort, wo mehrere Mitarbeitende mit sensiblen Daten von Verstorbenen und Angehörigen arbeiten.

Allerdings werden einige KI-Anwendungen auch die Geschäftsmodelle der Bestattungsbranche beeinflussen. Darüber sollten sich Bestattende schon heute Gedanken machen. Wer tiefer einsteigen möchte: Lesen auch die folgenden Artikel. Darin vertiefen wir einzelne Aspekte und Ansätze, die jetzt nur angerissen werden konnten.

Teil 2: KI, Trauer und die Frage, wem der digitale Nachlass eigentlich gehört – folgt in der kommenden Woche.

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