Gesellschaftlicher Wandel

Nachhaltig bestatten – zu Ende gedacht

Trauerkultur im Wandel

21. Juli 2026 · 6 Minuten Lesezeit · Trend

Auf dem Waldfriedhof

Ein Waldfriedhof. Eine Familie, die Abschied nehmen will. Eine Urne, die in die Erde soll. Und eine Aschekapsel, die sich nicht öffnen lässt.

Ein Hinterbliebener hat mir diese Szene erzählt – nicht beim ersten Gespräch, sondern später, als das Vertrauen gewachsen war. Er war noch immer verärgert. Nicht laut, aber tief. Die Art von Ärger, der sich festsetzt, weil er in dem Moment nicht gesagt werden konnte, als er entstanden ist.

Was wie eine technische Panne klingt, ist ein Symptom. Eine Aschekapsel, die als nachhaltig vermarktet wird, aber in der Praxis nicht funktioniert, ist kein Einzelfall – es ist das Bild für eine Entwicklung, die ich in der Branche häufiger beobachte: Nachhaltigkeit als Versprechen, das nicht zu Ende gedacht wurde.

Warum Nachhaltigkeit im Bestattungswesen anders ist

In anderen Branchen kann man ein nachhaltiges Produkt kaufen, es ausprobieren und zurückgeben, wenn es nicht funktioniert. Im Bestattungswesen gibt es diesen zweiten Versuch nicht. Der Moment der Beisetzung ist einmalig, unwiederholbar, für die Beteiligten von außerordentlicher Bedeutung.

Das bedeutet: Nachhaltigkeit im Bestattungswesen muss funktionieren. Nicht nur in der Theorie, nicht nur im Prospekt – sondern in dem Moment, in dem eine Familie am Grab steht.

Das ist keine höhere Hürde als anderswo. Es ist eine andere Art von Verantwortung. Und sie beginnt damit, dass Bestatter die Produkte und Dienstleistungen, die sie als nachhaltig anbieten, wirklich kennen – von der Herstellung bis zur Beisetzung.

„Nachhaltigkeit, die am Grab scheitert, ist nicht nur ein gebrochenes Versprechen – sie ist fehlendes Marketing.“

Claudia Grötzebach

Wie echter Wandel aussieht

Auf der Forum BEFA 2026 in Düsseldorf zeigte ein Stand wie das geht. Loop Biotech – der niederländische Anbieter von Bestattungsprodukte aus Pilzmyzel, über den ich bereits anlässlich der BEFA 2025 in Mannheim berichtet habe – hat etwas, das sich von vielen anderen Nachhaltigkeitsangeboten unterscheidet: Man fühlt es.

Nicht im ökologischen Sinne. Sondern emotional. Wer an diesem Stand steht, spürt, dass hier jemand wirklich verstanden hat, worum es geht. Nicht um ein Produkt, das grün ist. Sondern um einen Abschied, der zu jemandem passt – zu einem Menschen, der so gelebt hat, dass dieser Abschied sich richtig anfühlt.

Das ist der Punkt, an dem Nachhaltigkeit und Individualisierung zusammenkommen. Und das ist der Punkt, der für Bestatter strategisch wichtig ist.

Nachhaltigkeit als Ausdruck von Persönlichkeit

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Selbstbestimmung ein zentraler Wert ist – in der Berufswahl, im Lebensstil, in den Entscheidungen, die wir täglich treffen. Es liegt nahe, dass sich dieser Wunsch auch auf den Tod überträgt.

Ein Mensch, der sein Leben lang nachhaltig gelebt hat – der vegetarisch gegessen, Fahrrad gefahren, Secondhand gekauft hat – möchte keinen Abschied, der das ignoriert. Ein lackierter Fichtenholzsarg ist für ihn keine Option. Nicht weil er teuer oder billig ist, sondern weil er nicht passt.

Das ist keine Nische. Das ist eine wachsende Gruppe von Menschen, die sich einen Abschied wünschen, der zu ihrem Leben passt. Und die bereit sind, dafür zu suchen – und zu finden, wer diesen Wunsch ernst nimmt.

Für Bestatter bedeutet das: Nachhaltige Angebote sind kein ökologisches Bekenntnis. Sie sind eine Antwort auf eine echte Nachfrage. Und wer diese Antwort geben kann – glaubwürdig, durchdacht, bis zur Beisetzung zu Ende gedacht – hat einen Vorteil, den kein großer Anbieter einfach kopieren kann.

Was das für die Praxis bedeutet

Ich werde in einem späteren Artikel konkret auf nachhaltige Angebote und Nachhaltigkeitsmarketing eingehen. Hier möchte ich mit einer einzigen Frage enden, die mir wichtiger erscheint als jede Produktliste:

Kennen Sie die Produkte, die Sie als nachhaltig anbieten, wirklich? Haben Sie sie in der Hand gehabt? Wissen Sie, wie sie in der Praxis funktionieren – und was passiert, wenn etwas nicht so läuft wie geplant?

Die Familie am Waldfriedhof hatte diese Frage nicht gestellt. Sie hatte vertraut. Das ist das Größte, was Hinterbliebene einem Bestatter geben können – und der Grund, warum Nachhaltigkeit im Bestattungswesen nicht beim Prospekt enden darf.

TIPP FÜR DIE PRAXIS

Praxistipp:  Nehmen Sie ein beliebiges Produkt aus Ihrem nachhaltigen Angebot: Haben Sie es selbst in der Hand gehabt? Haben Sie es selbst ausprobierte? Was passiert, wenn in der Praxis etwas nicht klappt?

Claudia Grötzebach begleitet Bestatter seit Ende der 1990er Jahre zu Marketing, Kommunikation und Trauerkultur. Sie beobachtet den Wandel der Bestattungskultur – von innen und von außen.

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