TODTAL-KI-SYMPOSIUM – VERANSTALTUNGSBERICHT

Trost oder Täuschung? 

Ein inhaltlicher Rückblick auf das zweite KI-Symposium der Bestattungsbranche in Düsseldorf

25. September 2026 · 5 Minuten Lesezeit · TODTAL-KI-Serie · Teil 2

Im ersten Teil dieser Serie ging habe ich Ihnen vom TODTAL-KI-Symposium in Düsseldorf berichtet:  Wie es verlief, wer sprach, welche Thesen und Entwicklungen Thema waren. In diesem Teil geht es um einen der Ansatzpunkte: Wie wird KI eingesetzt. Was treibt die Entwickler um? Eine der Fragen im Raum stand wurde im Abschlussvortrag von Lorenz Widmaier explizit gestellt– Trost oder Täuschung?

Eine kurze Geschichte der Illusion

rWidmaier begann seinen Vortrag mit Fragen rund um einen historischen Bogen. Der reichte überraschend weit zurück: Wissen Sie, wann der erste Chatbot durchs Netz lief? – Das war ELIZA, dieser erste Chatbot stammt aus dem Jahr 1966. Widmaier erinnerte an frühe digitale Friedhöfe und Windows 3.11 bis zum Start von ChatGPT im Jahr 2022. Die Kernaussage dieser Reihe: Die Sehnsucht, mit Maschinen über den Tod und die Erinnerung zu sprechen, ist nicht neu – neu ist nur, wie überzeugend die Maschine inzwischen antworten kann.

Und genau hier beginnt bei vielen ein Unbehagen. Viele Trauernde sprechen mit „ihren“ Verstorbenen. Mal stumm, mal laut. Auf Dritte wirkt das oft befremdlich. Doch mit der Entwicklung der KI bietet sich jetzt für Trauernde mit diesem Bedürfnis nach Austausch und Nachempfinden ein „echter“ Gesprächspartner. Der Chatbot antwortet auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten –  lebensecht. Doch dann stößt der Bot an Grenzen, beginnt zu halluzinieren (Dinge zu erfinden) bis er gestellt wird. Hier wird es desillusionierend.
Moderne Angebote ermöglichen es, die verstorbene Person digital zu „klonen“. Der Chatbot wird mit Informationen über die verstorbene Person gefüttert, bis sie auf der Basis dieser Informationen antworten kann, so wie der oder die Verstorbene im Leben vielleicht geantwortet hätte – oder aus dem Jenseits heraus vielleicht antworten würde. Die Magie bricht, wenn der Chatbot ausweichen muss: er könne die gewünschte Information nicht geben, es tue ihm leid.

Es sind diese Momente, die zeigen, wie schnell wird vergessen, dass wir mit einem Modell sprechen, das nichts weiß, sondern nur Wahrscheinlichkeiten aneinanderreiht. Sie zeigen aber auch, wie sehr wir uns wünschen, das da doch noch etwas von der realen Person vorhanden ist.

Vier Wege, mit KI zu erinnern

Widmaier unterschied grob mehrere Anwendungsfelder, die in der Praxis oft munter vermischt werden, aber ethisch sehr unterschiedlich zu bewerten sind:

  • Rekonstruktive und bedeutungsfokussierte Trauerarbeit mit KI – Dabei hilft ein Chatbot zum Beispiel, offene Fragen zu bearbeiten oder eine schwere Zeit im Leben rekonstruiert und einordnet.
  • Digitales Storytelling – In diesem Fall entsteht aus Sprachnotizen, Fotos und Erinnerungsstücken ein Hörbuch, ein biografischer Text oder ein Erinnerungsprojekt. Die Werkzeuge, mit denen diese Hilfen gearbeitet wird sind: NotebookLM oder lokal gehostete Modellen (LM Studio).
  • Digitaler Nachlass mit und ohne KI – Dabei geht es zum Einen um die konkrete Verwaltung dessen, was von einer Person online zurückbleibt, und zum Anderen um die Frage, was davon aktiv in eine Trauerarbeit einfließen soll, statt es einfach nur zu archivieren.
  • Simulation/Klonen – Stimme, Sprachstil, im Extremfall ein interaktiver Avatar der verstorbenen Person. Das ist die Kategorie, die in der öffentlichen Debatte am meisten Aufsehen erregt, mit Stichworten wie Voice Cloning und Chatbot-Persönlichkeitsklonen.

Diese vier Felder sind nicht gleich riskant. Die ersten beiden bleiben nah an klassischer, therapeutisch begleiteter Trauerarbeit, nur mit neuen Werkzeugen. Das dritte Feld repräsentiert im Kern eine Verwaltungsfrage. Erst beim vierten Feld – der Simulation – wird es ethisch heikel, weil hier eine Illusion von Interaktion mit einer Person erzeugt wird, die dem nie zugestimmt hat.

Eine ausführlichere Einordnung dieser Typologie gibt es im entsprechenden Vertiefungsartikel dieser Serie.

Das Geschäftsmodell, das aus der Debatte ein Produkt macht

Wie schnell aus dieser Debatte ein fertiges Geschäftsmodell werden kann, zeigte die Podiumsrunde am Vormittag bereits sehr konkret. Dr. Philipp Berkessy stellte seine Plattform Lebensstimmen – Words that Remain mit vier klar getrennten Geschäftsfeldern vor:

  1. Eine Kurz- oder Grußbotschaft, die postum verschickt wird.
  2. Ein zu Lebzeiten gestalteter Avatar, der nach dem Tod dauerhaft verfügbar bleibt.
  3. Ein KI-gestaltetes Trauervideo, bei dem die KI die komplette Rede für die Trauerfeier verfasst.
  4. Eine Trauerrede, die die trauernde Person selbst – live, in der Feier – gemeinsam mit einem Avatar hält.

Bemerkenswert an dieser Aufzählung ist, wie sauber sie den Übergang von „Dokumentation zu Lebzeiten“ (Feld 1 und 2, mit Einwilligung der Person) zu „Interaktion nach dem Tod“ (Feld 3 und 4, wo die KI zunehmend die Deutungshoheit über die Trauer selbst übernimmt) nachzeichnet – ohne dass diese Grenze im Vortrag selbst besonders betont wurde. Die vier Basisprodukte sollen laut Berkessy am 20. Oktober in Wien offiziell starten.

Ich gebe zu, dass ich an dieser Stelle ein Störgefühl entwickelt habe. Eine Trauerrede ist eine Rede, die eine verstorbene Person aus Sicht Dritter würdigt. Wie soll die Rede eines Verstorbenen über sich selbst das leisten? Hier würde ich nicht von selbst verfassten Trauerreden, sondern Abschiedsreden sprechen, die einen anderen Charakter haben sollten und eher den Charakter einer Grußbotschaft oder letzter Worte hätten. Zu meinem Erstaunen wurde dieser Gedanke in der Diskussion nicht gestellt.

Die Gegenstimme in dieser Frage

Interessanterweise kam der deutlichste Einwand nicht aus der akademischen Ecke, sondern aus der Diskussion selbst: Trauer bedeute vor allem, das Loslassen zu lernen – die Beziehung zur verstorbenen Person bleibe wichtig, aber lebendige, interaktive Abbilder liefen Gefahr, eine Imitation an die Stelle des Loslassens zu setzen. Deutschland wurde in diesem Zusammenhang als vergleichsweise skeptisches Land beschrieben, während in Japan die Digitalisierung solcher Angebote schneller voranschreite.

Das ist genau die Trennlinie, die auch die internationale Forschung zieht: Es geht nicht darum, ob Erinnerung an sich technisch unterstützt werden darf – die meisten Menschen würden dem zustimmen. Es geht darum, ob die Technik uns hilft, eine veränderte Beziehung zum Verstorbenen zu finden („continuing bonds“, wie es in der Trauerforschung heißt), oder ob sie uns genau davon abhält, weil sie die Illusion aufrechterhält, die Person sei noch ansprechbar.

Ein niedrigschwelliger Gegenentwurf dazu war auf demselben Podium bereits zu sehen: Dr. Nele Stadtbäumer stellte mit grievy ein Angebot vor, das bewusst bei der lebenden, trauernden Person bleibt, statt eine Simulation der verstorbenen Person zu erzeugen.

 

Was das für Bestatter heißt

Eine Frage aus dem Publikum ging mir im Besonderen nach: die Frage, wie eine Trauerrede eigentlich ankommt, wenn sie durch einen Avatar gehalten wird – und ob man dabei nicht viel mehr verlieren als gewinnen könne. Sie war auch am Dichtesten an meinen Störgefühlen.

An dieser Stelle wird das Thema für Bestatter ganz praktisch relevant: Sie sind es, die in Zukunft möglicherweise gefragt werden, ob so ein Avatar bei der Trauerfeier „gut“ ist, ob er „würdevoll“ wirkt. Und die betroffenen Bestatter können dabei nicht auf ein fertiges ethisches Regelwerk zurückgreifen, sondern müssen nach eigenem Ermessen beraten.

Genau dort setzt der dritte und letzte Teil dieser Serie an: bei meiner eigenen Erfahrung mit Trauer, mit dem, was ich gerne bewahrt hätte und nicht wahrgenommen habe – und der Frage, was ich mir von KI in diesem Zusammenhang tatsächlich wünsche und was nicht.

Teil 3: Von Bewahrungswünschen und verpassten Gelegenheiten – eine persönliche Stellungnahme, folgt in Kürze.

    Darüber sollten sich Bestattende schon heute Gedanken machen: einige KI-Anwendungen werden die Geschäftsmodelle der Bestattungsbranche beeinflussen. Wer tiefer einsteigen möchte: Lesen Sie auch die folgenden Artikel. Darin vertiefe ich einzelne Aspekte und Ansätze, die jetzt nur angerissen werden konnten.

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