Zwischen Rollbanner und Berufung – freieredner.com auf der BEFA
Impressionen von der Forum BEFA 2026
Zufall, nicht Planung führt mich an den Stand von freiredner.com. Ich kann diesen Anbieter nicht einschätzen. Mir ist er bislang in meinen Recherchen vorgekommen. Also nutze ich die Chance. Zumal ich gerade selbst mein Manuskript aus dem Jahr 2008, Rhetorik & Trauerrede, nach langer Pause wieder zur Hand genommen und fertiggestellt habe.
Der Stand ist schlicht. Ein Rollbanner, ein Stehtisch, am Boden ein paar Utensilien. Drei Frauen unterschiedlichen Alters stehen dort, im Gespräch, aufmerksam. Ich zögere kurz – und dann geselle ich mich dazu. Das Thema ist mir also nicht fremd.
Ich kenne viele schlechte Trauerredner, also bin ich etwas provokant: „Warum sind Sie gut? Die meisten Trauerredner, die ich kenne, sind leider schlecht.“ – Ich rechne mit Empörung. Mit Rechtfertigung. Mit dem reflexhaften Griff zur Imagebroschüre.
Stattdessen: Zustimmung. Ruhige, ernstgemeinte Zustimmung. Das überrascht.
Eine Agentur mit Geschichte
So ganz klar wird mir im Gespräch nicht, wer oder was trauerredner.com ist. Doch die drei berichten von der Entstehung, der Qualifizierung und dem internen Austausch samt kontinuierlicher Fortbildung.
Die Recherche zeigt, daß es sich bei freieredner.com um eine Agentur handelt. Sie wurde 2006 von Martin Lieske gegründet – einem Theologen, der 2005 zu den ersten Freien Rednern in Deutschland überhaupt gehörte, als der Beruf noch kaum einen Namen hatte.
Als die Nachfrage seine Möglichkeiten überstieg, baute er die Agentur und ein Netzwerk auf, das heute nach eigenen Angaben über 260 Rednerinnen und Redner in Deutschland und Österreich umfasst.
Die Entstehung dieses Berufsfeldes folgte einem doppelten Impuls: Auf der einen Seite standen Menschen, die die Kirche verlassen hatten und ihr Wissen um Zeremonie und Sprache nun außerhalb institutioneller Strukturen einbringen wollten. Auf der anderen Seite eine Gesellschaft, die zunehmend individuelle Abschiede einforderte – jenseits konfessioneller Standardformeln. Dieser Wandel hat sich seither demografisch beschleunigt: Wurden im Jahr 2000 noch rund 71,5 Prozent aller Verstorbenen in Deutschland kirchlich beigesetzt, sank dieser Anteil bis 2020 auf knapp die Hälfte. In Großstädten sind freie Trauerredner inzwischen an mehr als der Hälfte aller Bestattungen beteiligt.
Qualität als strukturelle Frage
Zurück zu meiner provokanten Einstiegsfrage. Die drei Frauen am Stand räumen ohne Umschweife ein: Das Feld der freien Trauerredner ist heterogen, die Qualität schwankt erheblich. Ein geschützter Berufsstand existiert nicht. Jeder kann sich Trauerredner nennen.
Die Agentur bildet selbst aus, zertifiziert in Kooperation mit der IHK und vermittelt die Absolventen anschließend über die eigene Plattform an Bestatter und Angehörige.
Den entscheidenden Schritt in Richtung Qualitätssicherung ging das Unternehmen 2017: Als erster Anbieter in Deutschland schloss freieredner.com eine Kooperation mit der IHK Köln, die erstmals ein anerkanntes Zertifikat einer neutralen Institution für diesen Beruf ermöglichte. Heute wird das Zertifikat in Zusammenarbeit mit mehreren IHKs ausgestellt – darunter Köln, Essen, Hannover, Rhein-Neckar und Lübeck – und ist deutschlandweit gültig.
Die Ausbildung selbst vermittelt nach eigenen Angaben nicht nur handwerkliche Grundlagen wie Stimmbildung, Bühnenpräsenz und das Verfassen persönlicher Reden, sondern auch Unternehmertum und Marketing – denn die meisten Rednerinnen und Redner arbeiten freiberuflich. Wer die Ausbildung abschließt, kann direkt in das Agenturnetzwerk aufgenommen werden und über die Plattform Aufträge erhalten. Ein Modell, das Ausbildung und Berufseinstieg unmittelbar verknüpft.
Die drei Frauen am Stand berichten zudem von internem Austausch und kontinuierlicher Weiterbildung – einem Aspekt, der in einem Berufsfeld ohne formale Regulierung besondere Bedeutung hat. Und es geht ihnen ums Prinzip: Keine Musterreden mit Platzhaltern.
Ein Dienstleister für Bestatter
Die Präsenz auf der BEFA erklärt mir erst in der Recherche: es geht um die Trauerredner-Hotline – montags bis samstags von 10 bis 20 Uhr – richtet sich ebenso an Fachbetriebe wie an Privatpersonen, mit dem Versprechen einer Rückmeldung in der Regel innerhalb von 60 Minuten.
Fazit
Ich verlasse den Stand ohne abschließende Gewissheit darüber, wie gut die einzelnen Rednerinnen und Redner im Netzwerk wirklich sind – das lässt sich an einem Messestand nicht beurteilen. Was ich mitnehme, ist die Überzeugung, dass freieredner.com zumindest die richtigen Fragen stellt: Wie schafft man Qualitätsstandards in einem unregulierten Berufsfeld? Wie verbindet man Ausbildung, Zertifizierung und Vermittlung zu einem kohärenten System?
In einer Branche, in der schlechte Trauerredner offenbar so verbreitet sind, dass selbst die Anbieter es unumwunden zugeben, ist das kein kleiner Anspruch.
Fazit: Ein uralter Wunsch in neuem Gewand
Diese Fragen beschäftigen mich übrigens nicht erst seit diesem Gespräch. Mein Buch „Rhetorik & Trauerrede“, das ich erstmals 2008 schrieb und dessen überarbeitete Fassung jetzt vor der Veröffentlichung steht, ist ein Versuch, genau darauf Antworten zu geben – aus der Perspektive dessen, der die Rede schreibt und hält, nicht nur beauftragt.